Das Verzeichnis

Was belegt ist und was wiederholt wird

Vieles über die Vergangenheit des Origami wird wiederholt, nicht belegt. Wir trennen beides. Jeder Eintrag nennt seine Quelle; fehlt ein Dokument, sagen wir es.

Foldsong drawing — a folded sheet in raking light.
  1. 105
    🗣 wiederholt, unbelegt

    Papier wird in China erfunden — und Origami folgt nicht

    Der am häufigsten wiederholte Satz über den Ursprung des Origami lautet, es habe in China begonnen, kurz nach dem Papier selbst. Für die zweite Hälfte gibt es keinen Beleg. Erhaltenes Papier aus der Zeit der Früheren Han-Dynastie zeigt keine Spur von Faltung, und die Behauptung beruht auf der Annahme, dass das Falten dem Papier zeitlich eng gefolgt sein müsse. Das mag sein. Nachweisen können wir es nicht.

    Quelle: Hatori Koshiro, «History of Origami», K's Origami: «This opinion is based on the conjecture that origami started right after the invention of paper, for which we have no evidence.»
  2. 1680
    📄 belegt

    Der älteste eindeutige Beleg: ein Gedicht

    Das früheste Dokument, das das Papierfalten als Freizeitbeschäftigung unmissverständlich beschreibt, ist keine Anleitung, sondern ein Gedicht. Ihara Saikaku schreibt von gefalteten Schmetterlingen — ocho und mecho, dem männlichen und weiblichen Paar, mit dem Sake-Gefäße bei Hochzeiten geschmückt wurden. Eine beiläufige Zeile in einem Vers ist der erste feste Boden, den wir haben.

    Quelle: Ihara Saikaku, 1680. Cited in Hatori Koshiro, «History of Origami»: «The oldest unequivocal document of origami is a short poem composed by Ihara Saikaku in 1680.»
  3. 🗣 wiederholt, unbelegt

    Der Wunsch, der für tausend Kraniche gewährt wird

    Bücher, die «tausend Kraniche» erwähnen, tauchen bereits im späten siebzehnten Jahrhundert auf – das Falten ist also alt und belegt. Das damit verbundene Versprechen – falte tausend, und ein Wunsch geht in Erfüllung – wird überall als uralte Legende wiederholt, doch eine Primärquelle, die es datiert, haben wir nicht gefunden. Alte Praxis, undatiertes Versprechen.

    Quelle: Late-17th-century Japanese books reference «paper cranes» and «one thousand cranes». No primary source located for the antiquity of the wish tradition itself.
  4. 1764
    📄 belegt

    Tsutsumi no Ki — Falten als Etikette, nicht als Spiel

    Ise Sadatake legt dreizehn zeremonielle Einwicklungen fest: wie ein Geschenk verhüllt wird, wie das Papier verrät, was darin ist und wer es sendet. Das ist älter als jedes Anleitungsbuch zum Vergnügen, und es ist eine andere Praxis. Es «das erste Origami-Buch» zu nennen, verwischt zwei Traditionen, die für die Menschen, die sie pflegten, unterschiedliche Dinge bedeuteten.

    Quelle: Ise Sadatake, «Tsutsumi no Ki», 1764. Thirteen ceremonial folds. Discussed in Hatori Koshiro, «History of Origami».
  5. 1797
    📄 belegt

    Sembazuru Orikata — das erste Buch des Faltens zum Vergnügen

    Akisato Rito veröffentlicht Anleitungen für neunundvierzig verbundene Kraniche, geschnitten und gefaltet aus einem einzigen Blatt. „Sembazuru" bedeutet wörtlich „tausend Kraniche", meint hier aber Dutzende von Vögeln, die an Flügel oder Schnabel verbunden sind — eine technische Meisterleistung, keine Zählung. Dies ist das früheste veröffentlichte Buch über das Falten um seiner selbst willen.

    Hiden Sembazuru Orikata, 1797. Shimokōbe Shūsui (d. 1797). The Metropolitan Museum of Art, New York (2013.824). Public domain.
    Quelle: Akisato Rito, «Sembazuru Orikata», 1797. 49 linked cranes from one sheet. Hatori Koshiro, «History of Origami».
  6. 1837
    📄 belegt

    Eine zweite Linie beginnt, in Deutschland

    Friedrich Fröbel eröffnet seinen Kindergarten in Blankenburg. Unter den «Beschäftigungen», die er für kleine Kinder entwirft, findet sich das Papierfalten — Faltungen — mit dem Ziel, Form und Symmetrie durch die Hände zu lehren. Das europäische und das japanische Falten dieser Zeit unterscheiden sich so sehr voneinander, dass sie sich unabhängig voneinander entwickelt zu haben scheinen. Origami hat mehr als eine Wurzel.

    Foldsong drawing — a Fröbel «form of beauty»: a square folded into eightfold symmetry. Geometry drawn from the construction, not from a photograph.
    Quelle: Friedrich Fröbel (1782–1852), kindergarten founded at Blankenburg, 1837; paper folding among the «occupations». Hatori Koshiro: «European and Japanese classic origami were so different that they seem to have developed independently.»
  7. 1845
    📄 belegt

    Kayaragusa — und ein Titel, der nie ihr eigener war

    Adachi Kazuyuki hält um 1845 eine umfangreiche Sammlung von Modellen fest. Das Werk wird weithin «Kan no mado» genannt, ein Name, der auf einen Fehler in einer Abschrift zurückgeht und seitdem immer wieder wiederholt wurde. Die Modelle sind echt; der berühmte Titel ist es nicht.

    Quelle: Adachi Kazuyuki, «Kayaragusa», c. 1845. Hatori Koshiro: «sometimes wrongly called ‹Kan-no Mado›, based on an error on a copy.»
  8. 1954
    📄 belegt

    Eine Sprache für das Falten

    Akira Yoshizawa veröffentlicht «Atarashi Origami Geijutsu» und mit ihm eine Art, Faltungen zu zeichnen: Strichlinien für die eine Richtung, Strich-Punkt-Linien für die andere, Pfeile für das, was die Hand tut. Robert Harbin und Samuel Randlett fügen Symbole hinzu und tragen es ins Ausland; Randletts «The Art of Origami» (1961) legt es als Standard fest. Jedes Diagramm auf dieser Seite ist in dieser Notation gezeichnet.

    Quelle: Akira Yoshizawa, «Atarashi Origami Geijutsu», 1954. Robert Harbin, «Paper Magic», 1956. Samuel Randlett, «The Art of Origami», 1961 — first description of the Yoshizawa–Randlett system.
  9. 1955
    📄 belegt

    Sadako Sasaki

    Sadako Sasaki wurde am 7. Januar 1943 in Hiroshima geboren und starb am 25. Oktober 1955 im Alter von zwölf Jahren an Leukämie. Während ihrer Krankheit faltete sie Papierkraniche. Ihre Geschichte trug den Kranich aus Japan hinaus in die ganze Welt, und deshalb wissen die meisten Menschen, die noch nie etwas gefaltet haben, was ein Papierkranich bedeutet.

    Quelle: Sadako Sasaki (7 Jan 1943 – 25 Oct 1955), Hiroshima.
  10. 1966
    📄 belegt

    Die Regeln sind niedergeschrieben — früher, als die Namen vermuten lassen

    Zwei Arbeiten von S. Murata legten für den allgemeinen Fall die Winkelbedingung für flaches Falten dar, zusammen mit der Berg-und-Tal-Zählung. Beide Ergebnisse sind heute unter anderen Namen bekannt. Der Nachweis ist älter als die Bezeichnungen.

    Quelle: S. Murata, two papers, 1966 — general angle condition and the mountain/valley count. Noted in the literature on Kawasaki's theorem.
  11. 1976
    📄 belegt

    Huffman — «Krümmung und Falten»

    David A. Huffman, besser bekannt für eine Methode zur Datenkomprimierung, schreibt eine Arbeit darüber, was ein Blatt Papier kann und nicht kann, wenn es gefaltet wird. Er und Kôdi Husimi hatten unabhängig voneinander beobachtet, dass sich bei einem flach gefalteten Knoten aus vier Falzlinien gegenüberliegende Winkel zu einer geraden Linie summieren — der einfache Fall einer Regel, die später allgemein formuliert werden sollte.

    Quelle: Huffman, D. A., «Curvature and Creases: A Primer on Paper», IEEE Transactions on Computers, 1976. Four-crease observation also by Kôdi Husimi.
  12. 1977
    🗣 wiederholt, unbelegt

    «Sie faltete nur 644» — ein Detail aus einem Roman

    Die Version, die fast jeder wiederholt, lautet, Sadako habe es nur bis 644 Kraniche geschafft und ihre Freunde hätten den Rest gefaltet. Diese Darstellung stammt aus Eleanor Coerrs Kinderroman von 1977. Eine Ausstellung im Hiroshima Peace Memorial Museum besagt, dass sie bis Ende August 1955 tausend erreichte und noch etwa dreihundert weitere faltete; ihr Bruder Masahiro bestätigt dies. Das erfundene Detail verbreitete sich weiter als die eigentliche Überlieferung.

    Quelle: Eleanor Coerr, «Sadako and the Thousand Paper Cranes», 1977 (novelised). Counter-account: Hiroshima Peace Memorial Museum exhibit; Masahiro Sasaki, «The Complete Story of Sadako Sasaki».
  13. 1970s–80s
    📄 belegt

    Eine Regel, drei Personen, kein Kontakt

    Die allgemeine Winkelbedingung — abwechselnde Winkel um einen Knotenpunkt ergeben in Summe eine gestreckte Linie — wurde unabhängig voneinander von Toshikazu Kawasaki, Stuart Robertson und Jacques Justin innerhalb weniger Jahre entdeckt. Aus diesem Grund wird sie oft als Kawasaki-Justin-Theorem bezeichnet. Jede Faltung auf dieser Seite wird daraufhin überprüft.

    Foldsong drawing — a vertex where six creases meet. Alternate angles sum to a straight line; mountains and valleys differ by two.
    Quelle: Independent discovery by T. Kawasaki, S. Robertson and J. Justin, late 1970s – early 1980s; also known as the Kawasaki–Justin theorem.

Die Hände hinter den Regeln